Schüchternheit & Bühne- wie geht das?

Das Thema Schüchternheit- auch wenn sich das heute viele Menschen, die mich kennen, nicht wirklich vorstellen können- ist mir ganz und gar nicht fremd. Als Kind und auch noch als Teenager war ich fast krankhaft schüchtern. So schüchtern, dass ich vielen Freizeitaktivitäten, die ich sehr gerne gemacht hätte, wie Tanzunterricht, Turnierreiten, Schauspielkurse o.ä. einfach nicht oder nur sehr selten nachkommen konnte.

Meine Schüchternheit ging sogar so weit, dass ich jahrelang kein Jausenbrot in der Schule hatte, weil ich mich schlicht und einfach nicht getraut habe beim Bäcker eins zu kaufen. Im Bus setzte ich mich immer ganz alleine nach vorne, weil ich Angst vor den anderen Kindern hatte und dachte mir tolle Geschichten aus, warum ich denn immer genau hier, ganz alleine sitzen würde- nur falls jemand auf die Idee käme mich zu fragen... Natürlich hat nie jemand gefragt. Man hielt mich mit der Zeit nur für unheimlich eingebildet.

Dabei war ich im Grunde mutig. Das klingt zwar grotesk, aber meine Schüchternheit beschränkte sich definitiv auf den Umgang mit Menschen.Fremde Menschen! Kannte ich einmal jemanden, galt ich als ausgesprochen lebhaft und extrovertiert. Aber das dauerte immer. Vermutlich haben diverse jahrelange traumatische Erfahrungen nicht unbedingt dazu beigetragen,mein Selbstwertgefühl zu stärken und haben es mir schlußendlich sehr, sehr schwer gemacht, Vertrauen in andere Menschen aufbauen zu können.

Das ist aber eine andere Geschichte. ;-)

Ich tat auch viele Dinge, die mein Umfeld als "mutig" bezeichneten. Als Kind war ich Stammgast in der Bürgermeistersprechstunde. Mit 10 Jahren marschierte ich da hinein und beschwerte mich, dass es in Grossau keinen Spielplatz gäbe. Der Bürgermeister hatte Einsicht und der Spielplatz wurde tatsächlich gebaut.Ich hätte eine Widmungstafel mit meinem Namen ja noch ganz nett gefunden, aber ich war auch so einigermaßen zufrieden. Später sammelte ich Unterschriften gegen Tierversuche. In Bad Vöslau existierte eine kleine Hütte, in welcher zum Jahreswechsel Silvesterartikel verkauft wurden. Ansonsten stand die Hütte großteils leer. Ich beschloß einen Infostand daraus zu machen, schrieb den Internationalen Bund der Tierversuchsgegner an, die mir Material schickten, nervte erneut den Bürgermeister und durfte ein paar Tage später die Hütte unentgeltlich als Infostand nutzen. Ich bevölkerte die Hütte so lange bis ich alles verkauft und viele Unterschriften gesammelt hatte. Ich war damals 12 Jahre alt.

mein Infostand

Im Gymnasium machte es mir meine Schüchternheit erneut sehr schwer. Ich fühlte mich aufgrund meiner Familiensituation, die nicht dem typischen Badner Ideal entsprach, gehandicapt und hielt meistens meinen Mund und sprach wenig. Erneut wurde ich für seltsam und eingebildet gehalten und die Mitschüler begannen mich so massiv zu mobben, dass ich freiwillig ein Jahr wiederholte, um der Klasse zu entkommen.

Als ich meine Lehre begann und mich als Landkind plötzlich im erstem Bezirk zurechtfinden musste, wo die Leute auch noch alle im Dialekt sprachen und ich kein Wort verstand, wurde es eine Zeitlang besonders schlimm. Ich hörte auf mit den anderen zu kommunizieren, weil ich Angst davor hatte etwas falsch auszusprechen oder einen Blödsinn zu sagen. Eine Freundin erzählte mir Jahre später, dass sie anfangs ehrlich gedacht hätte, dass ich taubstumm oder autistisch wäre.;-)

Jedenfalls war das auch die Zeit, in welcher ich beschloß, dass es nun auch mal reicht. Ich hatte es satt schüchtern und unsicher zu sein. Da ich aber keine Ahnung hatte, wie ich es anstellen sollte das abzulegen, fasste ich den Entschluß einfach "so zu tun", als ob ich völlig selbstsicher im Leben stand. Ich schlüpfte also in eine Rolle. In die Rolle der coolen, redefreudigen,souveränen 15 jährigen. Und was soll ich sagen: es hat funktioniert! Hurra!:-) Ich war zwar immer noch schüchtern, aber kein Mensch merkte es mehr, da ich jeden Tag, wie eine Schauspielerin am Set, meiner Rolle gerecht wurde. Und mit der Zeit passierte etwas Seltsames: Meine Rolle färbte ab! Ich wurde zu der Person, die ich spielte; ich hörte auf schüchtern zu sein!

Was für eine Erleichterung!:-)

Tja und jetzt Bühne. Und ja, das _war_ schwierig. Ich konnte zwar nach wie vor in meine "Rolle" schlüpfen, aber ich war nicht mehr in Übung, weil ich es einfach jahrelang auch nicht mehr gebraucht hatte. Und auf einer Bühne zu stehen ist eben keine Alltagssituation und so musste ich mich anfangs gedanklich tatsächlich noch intensiv in die Person hineinversetzen, die ich da jetzt sein wollte- sonst hätte ich mich anfangs nicht getraut auch nur einen Ton zu singen.

Aber mittlerweile- ihr seht ja- hab ichs gelernt. Von meiner Schüchternheit von damals ist nicht viel übriggeblieben.Ja, sogar so wenig, dass ich vermute, dass einige von euch mir diesen Artikel nichtmal glauben werden, aber das stimmt schon so.

Mein Weg mag nicht für jeden passen, aber für mich hat er funktioniert. Und sollte ich euch mal über den Weg laufen und nicht grüßen oder ignorieren, dann denkt daran: vielleicht bin ich grade einfach nur wieder mal schüchtern. ;-)

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